Unser Alltag
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Die „Komischgucker“

Sie lauern überall. Im Supermarkt, im Gartencenter, bei Ikea, auf der Straße, im Park ja sogar auf Spielplätzen und anderen kinderfreundlichen Orten. Am häufigsten allerdings sind sie in Restaurants, Kaffees oder an Supermarktschlangen anzutreffen: die „Komischgucker“. Am Anfang fallen sie nicht weiter auf, geben sich unbedeckt,  sind nicht unmittelbar von den Anderen zu unterscheiden. Man könnte sie fast für „normale“ Mitbürger halten. Geben sich zuerst sogar noch freundlich. Ich aber erkenne sie mittlerweile sofort: die „Komischgucker“ oder auch „Augenverdreher“ genannt. Sie sind Meister im Komischgucken und Augenverdrehen. Diese Spezies versucht erst gar nicht es zu vertuschen oder zu verheimlichen, nein sie machen es sogar ganz offensichtlich. Weiterhin besitzen sie die Gabe sich zu verwandeln ohne dass man dieses bemerkt. Diese Verwandlung lässt sich am besten in die „Gut hörbar Tuschler“ beschreiben. Als ich die ersten Male auf diese Spezies getroffen bin, habe ich noch daran geglaubt, dass diese Gattung hochgradig hör- und sehgeschädigt ist, da sie so laut tuscheln und auffällig komisch gucken. Ich hatte sogar noch Verständnis. Ehrlich gesagt, taten Sie mir in meiner Naivität und Optimismus sogar leid, da sie anscheind nicht in der Lage sind gut zu hören und zu sehen und daher immer so laut sprechen und komisch gucken müssen. Wie anstrengend muss das doch sein…? -habe ich mich noch gutgläubig gefragt. Mittlerweile weiß ich, dass sie alle sehr wohl in der Lage sind gut zu hören und zu sehen und das diese Angewohnheit zu ihrem Verhalten bzw. Auffälligkeiten gehört. Das Gucken kann sich im schlimmsten Falle noch in ein penetrantes Gaffen verwandeln. Eine weitere Steigerung dieses „Gaffens“ ist mir bis jetzt noch nicht aufgefallen. Vielleicht fallen dann die Augäpfel kurzzeitig raus? Leider ist man dieser Spezies oftmals hilflos ausgeliefert. Sie sind strategisch sehr klug und scheinen genau dann anzugreifen, wenn man am verletzlichsten und wehrlosesten erscheint. Sie haben die Gabe bzw. Fähigkeit diesen genauen Moment der Verletzlichkeit und Überforderung genau abpassen zu können. Wie machen die das bloß? – frage ich mich dann jedes Mal. Darüberhinaus scheint dieses Verhalten hochgradig ansteckend zu sein. Am Anfang habe ich noch an Zufälle geglaubt, aber mittlerweile häufen sich diese Zufälle enorm, dass es sich nicht mehr nur um einen solchen handeln kann. Wenn es zu diesen besagten Angriffen kommt, scheinen die „Komischgucker“ Signale auszusenden und andere „Komischgucker“ oder „Augenverdreher“ anzulocken. Manchmal sind Evan und ich regelrecht umzingelt von den „Komischguckern“, den „Augenverdrehern“ und den „gut hörbar Tuschlern“. Evan und ich inmitten dieser Vielfalt von Gattungen. Manchmal fühle ich mich dann ein wenig wie im Zoo. Hilflos den Blicken dieser besonderen Spezies ausgeliefert. Vielleicht fangen sie irgendwann an uns zu füttern oder wollen uns sogar noch streicheln?!

Oft habe ich mich gefragt wo diese Spezies eigentlich herkommt. Nach etlichen Recherchen habe ich festgestellt, dass all diese Gattungen ihren Ursprung in den „Schubladendenkern“ oder „Kleindenkern“ haben. Dieser Ursprung liegt sehr lange zurück und dementsprechend hat sich deren Verhalten und Meinungen manifestiert und sich über die Zeit sehr drastisch weiterentwickelt. Zu allem Leidwesen scheint es so, dass diese Gattung sich äußerst stark vermehrt und ihr Verhalten mittlerweile so gut angepasst hat, um überlebensfähiger und penetranter zu sein. Ja, penetrant trifft es eigentlich ganz gut.

Wie aber kann man sich gegen diese besondere Spezies schützen oder wehren? Leider habe ich bis jetzt noch kein Geheimrezept gegen diese Art von Gattungen gefunden. Ich habe schon etliche Dinge ausprobiert: Ignorieren (das scheint sie allerdings noch mehr zu animieren), mich zu entschuldigen, zu weinen, mich zu erklären, mich und Evan in Gedanken wegzubeamen, mir diese Gattungen nackt vorzustellen, alles stehen und liegen zu lassen und wegzurennen – mit Evan versteht sich, mit Donuts oder klebrigen Muffins zu werfen (bis jetzt nur in Gedanken vorgestellt). Ja, ich habe mir sogar ein T-Shirt bedrucken lassen, dass Evans Besonderheit kurz beschreibt und um ihr Verständnis bittet. Eine Strategie, die neben dieser besagten T-Shirt Strategie einigermaßen wirkt ist meine „Wild-GUK-Gebärend-Strategie“. Ich stehe dann wild gebärend vor Evan und gebe all mein Repertoire an GUK Gebärden zum besten. Evan muss denken, dass ich jetzt vollkommen durchgedreht bin, da er, wenn überhaupt, nur ein Drittel dieser Gebärden deuten kann. Zumindest findet er es lustig und wiederholt ständig seine „Haben“ und „Fertig“ Gebärden. So stehen wir dann an der Supermarktschlange inmitten dieser seltsamen Gattungen. Manchmal stelle ich mir diese Szenerie von oben vor und fange plötzlich an zu schmunzeln.

Letzte Woche habe ich wider erwarten eine andere Bekanntschaft gemacht. Evan und ich waren wieder einmal umzingelt von „Komischguckern“, „Augenverdrehern“ und „Laut Tuschlern“. Ich war kurz davor wegzurennen – dieses Mal ohne Evan (zumindest kurzzeitig) – und da habe ich es entdeckt: ein ehrliches „Ist doch nicht so schlimm Lächeln“. Erst habe ich geglaubt, dass es wieder eine neue Strategie der Gegenseite ist und mich kurzzeitig innerlich gewappnet aber dieses emphatische Lächeln war einfach zu ehrlich. Es war nur ein „kleines Lächeln“ aber für mich hat es in diesem Moment sehr viel bedeutet und für einen Moment verschwanden die „Komischgucker“, die „Augenverdreher“ und die „Laut Tuschler“. Als dieses freundliche Wesen mir dann noch ihre Hilfe angeboten hat, ist es ganz um mich geschehen. Ein Lächeln und ein paar Worte haben meinen Tag gerettet und mir ein Stück Hoffnung wiedergeben: Es wird immer die „Komischgucker“, die „Augenverdreher“ und die „Laut Tuschler“ geben aber es gibt noch eine andere Spezies: „Die emphatischen Lächler“ und die „kann ich ihnen helfen Helfer“.

In diesem Sinne, seid:

Be silly, be honest, be kind (Ralph Waldo Emerson).

Evan & Marcella

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Unser Alltag

von

Mein Sohn ist 5 Jahre alt und ist mit einem schweren Herzfehler, HLHS, auf die Welt gekommen. Mit 3 Jahren haben wir die Diagnose frühkindlicher Autismus erhalten. Auf diesen Seiten möchte ich etwas aus unserem Leben, seinen Therapien und unserem Alltag erzählen, der nicht immer leicht aber dafür auch nie langweilig ist. Mein Sohn und ich lieben das Leben, denn das Leben ist schön!

8 Kommentare

  1. Janica Schmeelk-Weigel sagt

    Hallo Marcella,
    leider gibt es diese fiesen Spezies wirklich schon ewig und sie versammeln sich auch nicht nur um euch 🙂 Versuch es doch beim nächsten Mal mal mit einem seeeeehr freundlichen „Entschuldigen Sie bitte, kann ich Ihnen vielleicht helfen?“ in Richtung eines Komisch-Guckers oder Laut-Tuschlers. Hilft meiner Erfahrung nach erstaunlich gut und verwandelt solche Wesen oft in „beschämt-weg-gucker“ und bestenfalls „leise-Entschuldigung-murmler“ 🙂

    Liebe Grüße und Frohe Weihnachten!

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  2. Recht interessant ist auch, dass viele Komischgucker in gewisser Weise sexistisch zu sein scheinen, denn ich habe den Eindruck sowas deutlich häufiger von Müttern als von Vätern zu hören. Evtl. sind die Komischgucker aber auch einfach nur feige, was nun auch kein wirkliches Anzeichen für charakterliche Größe ist. 🙂

    Guten Rutsch!

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    • Hallo Dennis! Da magst Du recht haben. Bis jetzt habe ich mit mehr Müttern über dieses Thema gesprochen aber ich sollte auch mal die Väter „befragen“ ;o) Liebe Grüße, Marcella

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    • Liebe Frauke! Vielen Dank für deinen Link, ich habe mir Deinen Artikel gerade durchgelesen . Sehr treffend und traurig zugleich. Ganz liebe Grüße aus Bremen, Marcella

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  3. SIna sagt

    Oh ich kenne diese fiese Gattung Mensch , es kommt ganz auf meine Verfassung an, wie ich damit umgehe, wie ich IHNEN begegne.
    Meistens zeige ich genau diesen Menschen dann, wie sehr ich meinen Sohn liebe! Und dabei dürfen sie richtig gucken! Ganz blöd aus der Wäsche und sich in Grund und Boden schämen!
    Als mein Sohn ein paar Wochen alt war, war ich mit ihm einkaufen. Er schrie, wie leider eigentlich immer und ständig. Nichts half, aber jeder meinte natürlich einer Erstlingsmutter Ratschläge geben zu müssen, natürlich ungefragt! Und mitten in der Kassenschlange, zwischen all den Gaffern und Besserwissern wurde ich ganz liebevoll angeschaut, ein kleines Schulterzucken und ein ganz lieber Blick mit den Augen! Es tat soooo gut! Meine schönste Situation bisher, 3 Jahre her…

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