Allgemein, Autismus
Kommentare 9

Das muss einfach (noch)mal gesagt werden.

„Ein rotzfreches Kind. Aggressiv. Nicht erzogen. Respektlos. Einfach nur widerlich. Der ist doch nicht behindert!“

Eine Szene, Worte, aus einem Film? Nein. Leider nicht. Eine Szene aus unserem Leben. Vorgestern am See. Evan hat zwei Damen mittleren Alters mit (etwas) Sand beworfen und nass gespritzt – was ich definitiv nicht billige. Ich habe mich sofort entschuldigt und Evan mit seinen GUK Gebärden zu verstehen gegeben, dass das nicht in Ordnung war.

Eine einmalige Szene? Nein. Leider nicht. Egal ob im Supermarkt, auf der Straße, im Park, auf dem Spielplatz, in der Eisdiele, am See, bei Freunden oder Bekannten, Evan verhält sich nicht gesellschaftskonform und angepasst. Sein Verhalten wird oft mit “Frechsein“, Aggressivität und Trotzanfällen verwechselt und mit einem beiläufigen Kopfschütteln bis hin zu gemeinen und menschenverachtenden Kommentaren sowie herablassenden Blicken abgetan. Und wissen Sie was? Das tut weh. Sehr weh sogar. Nicht immer prallen diese Kommentare und Verhaltensweisen an mir ab.

An alle Mitmenschen, Freunde, Familie und Wegbegleiter: Evan hat weder immerwährende Trotzanfälle noch ist er gemein gefährlich oder verfügt über ein hochgradiges Aggressionspotenzial. Durch die vielen Reize und Besonderheiten im Alltag kann man bei ihm eher von einer Reizüberflutung sprechen, die sein Verhalten in bestimmten Situationen auslösen. Hinzu kommt die fehlende (deutliche) Kommunikation, die einige Gegebenheiten noch verschlimmern können.

Natürlich muss auch Evan sich in der Gesellschaft an Grenzen und gewisse Regeln halten. Aber er wird sich nie gesellschaftskonform und den Erwartungen anderen entsprechend verhalten. Und wissen Sie was? Das muss er auch nicht. Von einem Kind, das im Rollstuhl sitzt, würde man nie erwarten, dass es laufen soll. Dieses auszusprechen wäre grauenvoll, völlig unangemessen, schlichtweg nicht akzeptabel. Warum also wird genau das immer und immer wieder von Evan verlangt bzw. erwartet? Nur weil er gesund aussieht?

Ich wünsche mir Mitmenschen, die uns nicht sofort verurteilen und mit herablassenden und völlig unangemessenen Kommentaren behelligen. Evan ist ein Teil dieser Gesellschaft und ich erwarte (wünsche mir), dass er auch als solches behandelt wird. Inklusion auf dem Papier ist nicht genug. Inklusion fängt in den Köpfen der Menschen an. Wer von vornherein nicht ausgegrenzt wird, der muss nicht erst integriert werden.

Auch wenn Evan in seinem Leben schon einige negative Erfahrungen, erleben musste, hat dieser wundervolle Junge die Gabe, liebevoll auf Menschen zuzugehen, sie einfach an die Hand zu nehmen und schlichtweg an das Gute in jedem Menschen zu glauben. Ganz ohne Vorbehalte. Egal welcher Abstammung, welche Behinderung oder welcher sozialen Schicht sie angehören. Ist das nicht großartig?! In solchen Momente wird mir bewusst, dass dieses kleine Menschenkind mir und vielen anderen so viel voraus hat.

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Mein Sohn ist 5 Jahre alt und ist mit einem schweren Herzfehler, HLHS, auf die Welt gekommen. Mit 3 Jahren haben wir die Diagnose frühkindlicher Autismus erhalten. Auf diesen Seiten möchte ich etwas aus unserem Leben, seinen Therapien und unserem Alltag erzählen, der nicht immer leicht aber dafür auch nie langweilig ist. Mein Sohn und ich lieben das Leben, denn das Leben ist schön!

9 Kommentare

  1. Sarah sagt

    Nein, muss er nicht, habe ich gedacht, als ich den Satz gelesen habe, dass er sich an Regeln und Grenzen der Gesellschaft halten sollte. Er kann es noch nicht. Wird es aber sicher irgendwann können und lernen, einfach später als andere Kinder. Sie als Mutter müssen allerdings die Kommentare anhören, sich ein dickes Fell zulegen und das nicht persönlich nehmen. Das ist nicht persönlich gemeint, wir leben in einer schnelllebigen Welt, in der wir einfach unserem Trott nachgehen möchten. Das ist die Krankheit unserer Gesellschaft. Sie schreiben so liebevoll von ihrem Kind, dass ich weiss, dass Sie das schaffen. Wenn es irgendwann wieder so eine Situation gibt, dann denken Sie doch an uns, wir glauben an Sie und Ihr Kind.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sarah, vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine offenen Worte. Ich finde es ist sehr wichtig Verständnis für einander zu haben und offen durchs Leben zu gehen. An manchen Tagen fällt es mir leider nicht so leicht, Kommentare und Blicke nicht an mich heran zu lassen. Aber ich arbeite daran ;o) Liebe Grüße, Marcella

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  2. Hallo Marcella,
    dein Text hat mich zum Grübeln gebracht. Wenn ich ehrlich bin, schüttel auch ich oft den Kopf wenn ich sehe wie sich einige Kinder aufführen. Ob es vielleicht bei dem Kind nicht an der Erziehung, sondern an einer Behinderung liegt, kam mir jedoch ehrlich gesagt nie in den Sinn. Man verurteilt schnell und ein Kind welches sich nicht gut benimmt wird eben, wie du schon sagst, als frecht, nicht erzogen oder aggressiv abgestempelt. Dass es jedoch auch viele Krankheiten gibt, die einem nicht unbedingt angesehen werden können und solch ein Verhalten auslösen bedenkt man nicht.
    Dass es nicht an der Erziehung liegen kann merkt man jedoch spätestens dann, wenn die Mutter ihrem Kind sein Fehlerhalten erklärt. Das hast du ja getan und somit gezeigt, dass es nicht an der Erziehung liegt.

    Ich für meinen Teil werde auf jeden Fall ab jetzt versuchen nicht immer gleich zu verurteilen, da ich ja nicht weiß, warum das Kind in dem Moment so ist. Ob das Kind aggressiv, schlecht erzogen oder frech ist kann man eigentlich nur beurteilen wenn man das Kind und die Eltern besser kennt.
    Und auch meine Kinder haben mal schlechte Tage an denen vielleicht andere Personen den Kopf über sie schütteln und sich denken dass sie ganz schön frech sind. Das weiß ich besser.

    Dir kann ich nur wünschen, dass du wirklich auf mehr Verständnis stößt und dass du dir ein dickes Fell zulegen kannst dass dich vor all den idiotischen Kommentaren schützt.

    Du bist eine starke Frau, ich lese gerne auf deinem Blog und bewundere dich für all das was du leistest. Mach weiter so und ärgere dich nich über Idioten in deinem Umfeld. Sie haben einfach keine Ahnung.

    Ganz viele liebe Grüße

    Manu

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    • Liebe Manu! Vielen Dank für Deine lieben und offenen Worte! Evan und vielen weiteren Kindern sieht man ihre Einschränkungen nicht an und das stößt schnell auf Ablehnung. Ich finde es toll, dass es Menschen wie Dich gibt, die offen und reflektiert durchs Leben gehen. Danke dafür! Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute, Marcella

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  3. Du sprichst mir aus der Seele. Danke für deinen tollen Beitarg. Ich hoffe, dass viele Menschen deine Worte lesen und darüber nachdenken.
    (Ganz besonders hoffe ich, dass die Lehrer meines Sohnes das lesen)

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